Interview: Notendruck im Psychologiestudium
Der Notendruck im Psychologiestudium ist hoch, verschärft durch die Reform des Psychotherapeutengesetzes und den begrenzten Zugang zu approbationskonformen Masterplätzen. Dipl.-Psych. Dr. Claudia Preuschhof beleuchtet die Ursachen dieses „Flaschenhalses“ und zeigt auf, dass nicht ausschließlich Noten, sondern auch Zusatzqualifikationen zählen. Zudem erklärt sie, welche Strategien gegen Leistungsstress helfen und warum die ungeklärte Finanzierung der Weiterbildung aktuell die größte Hürde für den Nachwuchs darstellt.
Frau Dr. Preuschhof, viele Psychologiestudierende berichten von starkem Notendruck im Bachelor. Sicherlich liegt das auch an der Beliebtheit des Studiengangs und die dadurch hohen NCs. Welche Ursachen spielen hier noch rein?
Prinzipiell gibt es genügend Masterstudienplätze im Bereich Psychologie. Der Flaschenhals kommt durch die Reform des Psychotherapeutengesetzes zustande. Der Zugang zum Beruf des Psychotherapeuten kann für Studenten, die nach der Gesetzesreform begonnen haben zu studieren nur über den approbationskonformen Masterstudiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie erfolgen. Es gibt aber, auch an unserer Universität, noch einen allgemeinen Masterstudiengang in Psychologie mit verschiedenen Vertiefungen, der allerdings nicht mehr wie früher den Weg in die Approbation ermöglicht. Viele Studenten starten aber das Psychologiestudium mit dem Ziel später Psychotherapeutin werden zu können bzw. möchten sich diesen Berufsweg nicht versperren. Daher sind die „alten“ Studiengänge an vielen Universitäten nicht mehr so nachgefragt.
D.h. Studenten, die nicht das Berufsziel Psychotherapeut verfolgen, können eigentlich etwas entspannter studieren, da sie aus einer Vielzahl von Masterprogrammen wählen können.
Hinzu kommt, dass Psychologiestudierende in Regel sehr leistungsorientiert sind. Sie mussten ja schon um zum BA-Studium zugelassen zu werden sehr gute Noten in der Schule erbringen. Im Studium treffen sich dann viele leistungsorientierte Personen, die sich manchmal noch gegenseitig anheizen und vielleicht auch nicht mehr zu den allerbesten ihrer Kohorte gehören.
Gibt es eine aktuelle oder zukünftig denkbare Alternative zu Masterprogrammen mit hohem NC?
Wie gesagt, wenn nicht der Wunsch besteht, Psychotherapeutin zu werden, ist die Zahl der Studienplätze gar nicht so knapp. Auch ermöglicht das Bachelor-/Mastersystem flexibler zwischen den Fachrichtungen zu wechseln oder auch einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Die Universitäten könnten auch die Anzahl der Studienplätze im Master Klinische Psychologie und Psychotherapie erhöhen. Allerdings muss hier geschaut werden, ob wir wirklich so viele approbierte Psychotherapeuten, die erst einmal keine Fachkunde besitzen, benötigen. Neben den staatlichen Universitäten bieten inzwischen eine Vielzahl von privaten Universitäten approbationskonforme Studiengänge an, deren Absolventen jedenfalls auf die knappen Weiterbildungsplätze strömt.
Welche Auswirkungen kann der dauerhafte Leistungsdruck auf die mentale Gesundheit von Studierenden haben?
Die Stressbelastung kann in Kombination mit anderen biologischen, personenbezogenen und Umweltfaktoren durchaus das Wohlbefinden phasenweise, manchmal auch dauerhaft beinträchtigen und das Leistungsvermögen herabsetzen.
Gibt es Strategien und Denkweisen, die Studierenden helfen können, mit diesen Problemen besser umzugehen?
Wichtig ist es immer Ausgleich in anderen Lebensbereichen (Familie und Freunde, Hobbies, Ehrenamt, ...) zu finden. Dann ist es oft hilfreich konkret zu schauen, ob die Noten wirklich so „schlecht“ sind, dass es unrealistisch ist einen Studienplatz im gewünschten Fach zu erhalten (siehe Punkt 5). Wenn Noten verbessert werden sollen, kann überlegt werden, ob das Lernverhalten optimiert werden kann (z.B. langfristige Vorbereitung auf Prüfungen, Lerngruppen, Zeit für Pausen). Manchmal ist es auch hilfreich sich zu überlegen, ob vielleicht auch alternative Berufsziele und damit verbundene Ausbildungen in Frage kommen. Die Psychologie und selbst die Klinische Psychologie, ist ja eigentlich ein sehr breites Fach vielfältigen Anknüpfungspunkten und Perspektiven in den unterschiedlichsten Bereichen.
Was würden Sie Studierenden sagen, die Angst haben mit einer "nicht perfekten" Note keinen Masterplatz zu bekommen?
Wichtig ist, man braucht keine „perfekte Note“ um in das Masterstudium Klinische Psychologie und Psychotherapie hineinzukommen. Eventuell klappt es nicht an der Wunschhochschule, es gibt aber viele staatliche Universitäten, bei denen man auch mit einem Notendurchschnitt über 2 (was in der Psychologie für manche als schlecht gilt) einen Platz bekommen. Viele Universitäten, auch die OvGU, vergeben die Masterstudienplätze im Bereich Klinische Psychologie und Psychotherapie auch nicht nur nach Note, sondern beziehen zusätzliche Leistungen mit ein wie z.B. ein freiwilliges soziales Jahr, eine Berufsausbildung in einem relevanten Bereich oder auch das Belegen bestimmter Module.
Viele Studierende sorgen sich außerdem um die anschließende Weiterbildung zum/zur Psychotherapeut*in. Was hat sich seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes 2019/2020 bereits geändert? Wie schätzen Sie diese Veränderung ein?
Nachdem die approbationskonformen BA- und Masterstudiengänge erfolgreich eingeführt wurden, ist die Finanzierung der Weiterbildung tatsächlich momentan nicht geklärt. Momentan besteht hier der wirkliche Flaschenhals. Es gibt inzwischen viele nach dem neuen System Approbierte, die aber keine Weiterbildungsplätze finden.
Ein zentraler Kritikpunkt ist die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung. Bereits 2025 gab es erste Anpassungen. Warum ist die Finanzierung so umstritten und was muss sich noch ändern?
Das Grundproblem des Gesetzes besteht darin, dass es ein Bundesgesetz ist, aber auf föderaler Ebene umgesetzt werden muss. Die konkrete Finanzierung spielte bei der Verabschiedung des Gesetzes noch keine Rolle und wird jetzt den Ländern überlassen. Es war und ist in den meisten Bundesländern immer noch schwierig den erhöhten Aufwand für die approbationskonformen Studiengänge an den Universitäten finanziell und personell abzubilden. Die Finanzierung der Weiterbildung hängt daran, dass im Gegensatz zur bisherigen Psychotherapieausbildung die Weiterbildung berufsbegleitend im Rahmen einer bezahlten Anstellung erfolgen wird. Momentan ist nicht geklärt inwieweit diese Stellen durch Gegenfinanzierung in der Patientenversorgung, die bei der Weiterbildung auch zusätzliche Ressourcen wie Supervision, Selbsterfahrung, Theoriekurse, usw. beinhaltet, kostendeckend erfolgen kann.
Hat die Problematik auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheitsversorgung? Zum Beispiel mit Blick auf fehlende Therapieplätze
Momentan ist das noch nicht der Fall. Es gibt tatsächlich genügend approbierte Psychotherapeuten und bis 2032 können Personen, die vor September 2020 mit dem Psychologiestudium begonnen haben, noch nach dem alten Weg ihre Approbation und Fachkunde erwerben. Die aktuelle Knappheit der Therapieplätze, vor allem für gesetzlich krankenversicherte Personen, liegt momentan in der der begrenzten Anzahl von Kassensitzen für Psychotherapeuten. Mittel- und langfristig sind wir aber auf den neuen Psychotherapeutennachwuchs angewiesen, um die Versorgung zu sichern.
Wenn die geplanten Reformen erfolgreich umgesetzt werden, wie könnte dann der Weg zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten idealerweise aussehen?
Der Weg ist im Gesetz folgendermaßen festgelegt: approbationskonformes BA- und Masterstudium, Ablegen der staatlichen Approbationsprüfung und Erteilung der Approbation als Psychotherapeut, Absolvieren der berufsbegleitenden Weiterbildung.
Welche Möglichkeiten gibt es sich als Psychologiestudierende, Professor:innen, Dozent:innen und Alleys stark zu machen?
Wenn man sich für eine auch zukünftig qualitativ hochwertige psychotherapeutische Gesundheitsversorgung einsetzen möchte, kann man natürlich persönlich Aufmerksamkeit erzeugen, z.B. durch die Teilnahme an Demonstrationen, Petitionen oder auch das Ansprechen/Anschreiben von Politikern. Außerdem ist die Vernetzung mit den Fachgesellschaften wie z.B. Deutschen Gesellschaft für Psychologie, der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, den Psychotherapeutenkammern. Studierende können sich dort oft bereits im Studium engagieren. Wichtig ist auch die Mitarbeit in den Fachschaften und im PsyFaKo.
Wenn Sie eine Sache an diesem Ausbildungssystem sofort ändern könnten, welche wäre das und warum?
Außerdem würde ich mir für den Nachwuchs wünschen, dass die ständige Sorge den nächsten Schritt auf dem Weg zum Psychotherapeuten absolvieren zu können abgefedert wird. Zum einen durch genügend Studienplätze an staatlichen Universitäten. Zum anderen durch die schnelle Schaffung der Weiterbildungsplätze und eine Flexibilisierung der Weiterbildungsordnungen was die ambulanten und stationären Ausbildungsanteile umfasst.
Was würden Sie Studierenden raten, die Psychotherapeut*in werden wollen, sich aber wegen der aktuellen Lage unsicher fühlen?
Wenn der Berufswunsch ist Psychotherapeutin zu werden, dann mit offenen Augen und Ohren das Studium absolvieren, sich Wissen auch neben den klausurrelevanten Inhalten aneignen und sich für die Belange der Psychotherapeutenschaft einsetzen. Informationen gibt es über die Berufsverbände oder Sie sprechen uns als Lehrende bei Sorgen direkt an.